NATURA MORTA / COMPOSIZIONE
Renato Paresce
CAROUGE 1886 - 1937 PARIS
NATURA MORTA / COMPOSIZIONE
1926
GOUACHE AUF PAPIER
UNTEN MITTIG SIGNIERT UND DATIERT: "RENÉ PARESCE XXVI"
41 X 28 CM
PROVENIENZ

PRIVATSAMMLUNG, SCHWEIZ

Sohn eines sizilianischen Vaters und einer russischen Mutter, vertreten wir eine der komplexesten Persönlichkeiten der italienischen Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Paresce war promovierter Physiker, Journalist, Schriftsteller und Maler. Sein nur recht kurzes Leben ist eine Geschichte von Kunst, Wissenschaft und Politik.


Nach seinem Umzug nach Paris im Jahr 1912, um zunächst als Wissenschaftler am Institut des Poids et des Mesures zu arbeiten, begann er sehr bald sich vollkommen der Malerei zu widmen und setzte sich früh mit den avantgardistischen Ideen seiner Zeit auseinander. Durch die Nähe und den direkten Austausch mit seiner künstlerischen Umgebung, besonders von Picasso und Modigliani geprägt - dank seiner großen intellektuellen Fähigkeiten - entwickelte er eine persönliche Vision und ungeheuer ausdrucksstarke Instrumente die sein Gesamtoeuvre zeitlebens prägten. Als Mitglied der Italiens de Paris (zusammen mit de Chirico, Savino, De Piris, Severini, Tozzi und Campigli) begrüßte Paresce die Ideen zur sogenannten Rückkehr zur Ordnung die wie ein roter Faden durch die figurative Forschung jener Zeit verliefen. Auch die Vertiefung von Geometrie, kubistischer Abstraktion und expressiver künstlerischer Modelle finden sich in seinem Werken. Als einer der führenden Künstler der international-motivierten italienischen Avantgarde stellte Paresce regelmäßig auf der Biennale di Venezia und der Quadriennale di Roma aus und war zudem Mitglied der École de Paris, welche sich an den Ausstellungen in den Salons des Indépendants und in den Tuilerien beteiligte.


Die hier vorliegende Arbeit aus den 1920er Jahren zeigt in einer für Paresce sehr charakteristischen Art eine kubistische Komposition aus verschiedenen architektonischen Elementen, räumlichen Strukturen und Flächen bestehend, welche das gesamte Werk gliedern. Die beinahe melancholische Grundstimmung ist typisch für die Arbeiten Paresces dieser Zeit. Auf die Wirklichkeit wird durch die konkreten Elemente nur verwiesen, denn sie scheinen nur noch von einem Gefühl der Verlorenheit und Erinnerung im Raum zu stehen. Paresces Bilderkosmos genügt vollkommen der Hinweis auf das Reale und Sichtbare und so wird von ihm das Arsenal tradierter Motivik in seiner ganzen Spannweite von der figürlichen Allegorie über das stilllebenhafte Arrangement bis zur metaphorischen Landschaft in diese Komposition gelegt. Ohne in einen konstruiert rätselhaften literarischen Symbolismus zu münden, schafft Paresce eine Komposition, die zwar mehr oder weniger der Wirklichkeit verpflichtet ist, aber dennoch ein magisches Geheimnis in sich trägt. Die Bildwelten Paresces haben als Ganzes, wie in ihren einzelnen Elementen, demnach zwei Seiten: eine reale, sichtbare und eine metaphysische - jede Erfahrung, jedes gesicherte Wissen, jede eindeutige Fassbarkeit übersteigende Wahrheit.


Das Stillleben zeigt im Zentrum eine Vase in abstrahierter Malweise. Die kubistische Darstellungsweise trägt einen collageartigen Charakter und lässt den Betrachter die Komposition nur erahnen. Es scheint, als hätte der Künstler die Vase zusammen mit einem Apfel und einer Schale arrangiert. Dahinter befindet sich ein vermutlich geöffnetes Fenster, denn im Hintergrund sind eine metallene Balustrade, Bäume und ein leicht bewölkter Himmel zu erkennen. So verleihen im Detail verborgene Elemente dieser Arbeit einen spannenden Charakter und machen sie zu einer subtilen Komposition von großen künstlerischem Wert.


Nach dem Entstehen der vorliegenden Arbeit hatte der Künstler 1933 in der Galleria del Milione, Mailand, seine erste Einzelausstellung. Ein Jahr später begab er sich auf eine Weltreise, auf der er über die Fidschi-Inseln in die USA reiste. Während seiner Reise dokumentierte Paresce seine Eindrücke und verfasste Artikel, die 1935 in den USA in dem Sammelband L’altra America publiziert wurden. Renato Paresce starb 1937 im Alter von 51 Jahren in Paris.