TRAIGO TODAS LAS INDIAS EN MI MANO
Anselm Kiefer
DONAUESCHINGEN 1945 -
TRAIGO TODAS LAS INDIAS EN MI MANO
1995-1996
ZIMMERMANNSTIFT UND GOUACHE AUF FOTOGRAFIE
PAPIER VOM KÜNSTLER GEFALTET
UNTEN BEZEICHNET: „TRAIGO TODAS LAS INDIAS EN MI MANO“
PERSÖNLICHE WIDMUNG AUF VERSO
49 X 72 CM
PROVENIENZ

PRIVATSAMMLUNG, SCHWEIZ

Anselm Kiefer ist ein deutscher Künstler, der sich stark mit Geschichte und Mythologie sowie der Identität Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt. Geboren wurde er 1945 in Donaueschingen, im Südwesten Baden-Württembergs. 1965 begann er ein Jura- und Romanistikstudium. Parallel dazu studierte er ab 1966 zudem Malerei bei Peter Dreher in Freiburg. 1969 setzte er sein Studium an der Karlsruher Akademie der Bildenden Künste bei Horst Antes fort. Im selben Jahr fand seine erste Einzelausstellung in der Galerie am Kaiserplatz statt. Seine Ausbildung führte er 1970-72 in der Beuys-Klasse an der Düsseldorfer Kunstakademie fort. Angeregt durch Beuys und Georg Baselitz gehört Kiefer zur Neo-Expressionismus-Bewegung. Kiefer setzt sich, angeregt durch Beuys, mit der deutschen Geschichte, Mythologie, mit den Formen der menschlichen und politischen Hybris sowie der menschlichen Heilserwartung auseinander. Neben reliefhaften Gemälden entstehen Arbeiten in traditionellen Techniken wie Holzschnitt, Aquarell und vor allem Fotografie.


Nach der Wiedervereinigung 1991, entschloss sich Kiefer dazu das Land zu verlassen. Die folgenden Jahre repräsentieren eine neue Ära in Kiefers Arbeiten die besonders von seinen reisen nach Mexiko, Indien, China, Japan und Australien beeinflusst sind. Kiefer verlegt den Fokus von der Verarbeitung Deutschlands Geschichte zu Themen wie Religion, Kosmos und Mythologie in seinen Arbeiten (Gemälde, Installationen, Fotografie etc.). Kiefers einzigartigen Kompositionen stellen eine kraftvolle Synthese von Geschichte, orientalischen spirituellen Traditionen, Yoga, Alchemie, Kultur, Natur, Religion und universellem Glauben dar und machen so Anselm Kiefer zu einem herausragenden zeitgenössischen deutschen Künstler.


Nach seinen mehrjährigen Reisen durch den Vorderen Orient und Asien, begann Kiefer eine Serie in der er seine gesammelten Erfahrungen verarbeitet hat. In diesen Werken stellt sich der Künstler meist als liegenden oder stehenden Akt im Einklang mit dem Universum dar. Die Selbstporträts führt er in verschiedensten Techniken und Materialien aus. Dabei handelt es sich nicht um Selbstporträts im klassischen Sinne - Kiefer versteht seine Selbstdarstellungen  bzw. seinen Körper vielmehr als Prototyp des Menschen – er wird zum Förderer einer kollektiven Erfahrung und formuliert seine Erfahrungen die über jegliche Empirie hinausgehen.


In der vorliegenden schwarz-weiß Fotografie stellt sich Kiefer als liegenden Akt im Wasser dar. Er schwimmt auf dem Rücken im Meer und ist dabei vom Betrachter abgewandt. Die Schwimmbewegungen erzeugen kleeblattförmige Wellen um seinen Körper. Mit Zimmermannstift und Gouache hat Kiefer die Fotografie nachträglich bearbeitet und den Titel Traigo todas las Indias en mi mano am unteren Bildrand handschriftlich hinzugefügt.


Der Titel ist einem Gedicht des spanischen Schriftstellers Francisco de Quevedo (1580-1645) entnommen. Es handelt sich dabei um eine Zeile aus dem Sonnet Retrato de Lisi que traía en una sortija (Ein Porträt Lisis welches er in einem Ring trägt), in welchem sich Quevedo mit dem Mikro- und Makrokosmos und der Vergänglichkeit der irdischen Schönheit auseinandersetzt. Es handelt von einem Mann der in seinem Ring das Porträt seiner Geliebten trägt. Das Bild dient der Meditation. Aus Sicht des Dichters steht der Ring für das Bewusstsein des Universums. „Ich halte den Strernenhimmel,“ schreibt er. „Ich halte alle Indien in meiner Hand.“


Seit 1995 entstanden mehrere Arbeiten mit diesem Titel, ausgeführt in verschiedensten Techniken (Collage auf Leinwand, Fotografie, Holzschnitte u.v.m.) und Formaten. Sie illustrieren dabei sowohl die inhaltliche als auch die technische unbändige Experimentierlust des Künstlers. Nicht das Reproduzieren, sondern das Verbinden von Materialien, Themen, Ideen und Bildfindungen steht dabei im Vordergrund.


Anselm Kiefer ist seit seinen Anfängen regelmäßig auf Ausstellungen präsent. 1979 im Stedelijk Van Abbemuseum, Eindhoven, 1981 im Museum Folkwang, Essen, 1984 in der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf oder 1987 am Art Institute of Chicago, sowie die Teilnahme an der documenta 6, 7 und 8 sind nur einige seiner großen Einzelausstellungen. 1990 wurde er mit dem Wolf-Preis, Jerusalem und dem Kaiserring der Stadt Goslar ausgezeichnet. Im Jahr 2001 fand eine Sonderausstellung in der Fondation Beyeler zu Kiefers umfassenden Oeuvre statt. 2011 wurde er in New York mit der Leo-Baeck-Medaille für seine Verdienste um die deutsch-jüdische Aussöhnung ausgezeichnet. 2014 fand eine Retrospektive in der Royal Academy of Arts, London, statt. Ein Jahr später präsentierte die Bibliothèque nationale de France, Paris, einen Überblick über Kiefers Künstlerbücher von 1969 bis 2015. Kurz darauf folgte im Centre Pompidou eine Retrospektive 2015, auf Wunsch Kiefers zu dessen 70. Geburtstag. Auch das Albertina in Wien zeigte 2016 das große Konvolut seiner Holzschnitt-Collagen.  


Anselm Kiefer gilt als einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart, dessen Werke in zahlreichen Museen vertreten sind. Kiefer lebt und arbeitet in Frankreich.