YOUNG MAN
Andy Warhol
PITTSBURGH 1928 - 1987 NEW YORK CITY
YOUNG MAN
1954
SCHWARZE KUGELSCHREIBERTINTE AUF PAPIER, AUF DER RÜCKSEITE ZWEI STEMPEL DER FOUNDATION FOR THE VISUAL ARTS UND BEZEICHNUNG UND NUMMERIERUNG IN BLEISTIFT: „4 F 200.300“
ESTATE STAMP DER ANDY WARHOL FOUNDATION FOR VISUAL ART
35,2 X 27,9 CM
PROVENIENZ

ESTATE OF ANDY WARHOL NEW YORK

GUTACHTEN

GUTACHTEN DER  ANDY WARHOL FOUNDATION FOR VISUAL ART

Obwohl Andy Warhol besonders für seine farbenprächtigen Siebdruck-Arbeiten bekannt ist, war der Künstler auch ein ausgezeichneter und lebenslang besonders passionierter Zeichner. Bereits sehr früh nahm er Unterricht am Carnegie Museum of Art und gewann mehrere Auszeichnungen für seine Zeichnungen. Aber sein unkonventioneller und manchmal auch durchaus respektloser, ganz eigener Zeichenstil erfüllte schon damals nicht immer die akademischen, gewöhnlichen Standards seiner Professoren. Gleichwohl verweisen die zeichnerischen Arbeiten aber immer auch auf die eng mit der europäischen Tradition künstlerischen Schaffens verbundenen amerikanischen Akademieausbildung und die Schulung durch das Studium der europäischen Meister der Moderne. Die große Zeichenkunst von Picasso, Matisse, Schiele oder Grosz, um nur einige zu nennen, hatte immensen Einfluss auf den jungen Künstler, dessen Experimentierfreudigkeit und erfrischende Neugier man deutlich in seinen Arbeiten erkennen kann. In seinen Zeichnungen offenbart sich ein Künstler, der die ihn umgebende Welt nicht nur visuell aufnimmt, sondern sie bereits als Bild reflektiert. Oft fand Warhol seine Bildwelt in der Fotografie alltäglicher Straßenszenerien, doch verwandelte er deren Realismus in eine spezifische Emblematik und extrahierte das für ihn Essentielle. Früh begegnen wir in diesen Arbeiten seiner erstaunlichen Fähigkeit, die draußen vorgefundene Wirklichkeit ins Ikonenhafte zu transferieren. Die erst vor wenigen Jahren in den Archiven der Andy Warhol Foundation in New York durch den Kunsthändler Daniel Blau entdeckten frühen Zeichnungen offenbaren diese weitgehend unbekannte Seite des wohl bedeutendsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und verweisen auf den Ursprung des Genies von Andy Warhol. Denn bereits in diesen Blättern legt Warhol das Fundament seines gesamten späteren Schaffens. Wir begegnen Porträts, Blumen, Demonstranten, Pistolen, Autounfällen zahlreichen Alltagsgegenständen und dem Antlitz berühmter Persönlichkeiten. Geprägt sind diese Blätter durchgängig von einem experimentellen, innovativen Geist und der Experimentierfreudigkeit ihres Schöpfers. Die Spontaneität kreativer Energie zeigt sich auch in der Verwendung moderner Malmittel wie des Kugelschreibers in den uns vorliegenden Blättern, den der Künstler schnell und praktischerweise überall einsetzen konnte, um seine Ideen und Eindrücke festzuhalten. Der Pop-Art-Künstler bediente sich schon hier permanent repetitiver, konzeptueller Mechanismen, bei denen dem Fragmentarischen und Additiven, der Nachzeichnung und dem Abklatschverfahren ein künstlerischer Stellenwert zukommt und die seine spätere Beschäftigung mit jenen druckgraphischen Methoden des Siebdrucks – mit denen der Künstler zu Weltruhm gelangen sollte – bereits im Keim enthalten. Unsere vorliegenden Zeichnungen sind charmante Beispiele der frühen, ebenso eleganten wie verspielten Zeichenkunst Andy Warhols, die im späteren Verlauf seines Schaffens dann einer nüchternen Realität des vermeintlichen American Way of Life weicht, dessen brutale Wirklichkeit auf den ersten Blick nur wenig mit der Unbeschwertheit jener Blätter aufweist. In der konkreten Darstellung der Dinge vermag Warhol aber zeitlebens auf das Wesentliche zu verweisen, so dass die augenscheinliche Rezeptionsästhetik in der Abbildung von Alltäglichem, Skurrilem oder Vordefiniertem letztlich stets vom Betrachter zu hinterfragen ist.


Wie eine Momentaufnahme, ein Augenblick der Beobachtung wirkt die vorliegende Zeichnung Andy Warhols mit dem Titel „Young man“. Aus dem Alltag extrahiert, präsentiert Warhol sein Modell im Profil und auf wenige, jedoch wesentliche Merkmale reduziert. Ähnlich der Serie „Young man with hearts“ stellt sich beim Anblick dieser außergewöhnlichen Zeichnung die Frage des Verhältnisses zwischen Künstler und Porträtiertem. So liegt es beim Betrachter, sich dieser Frage zu stellen und entlang der puristischen Formen- und Liniengebung nach Antworten zu suchen. Bildmotive wie das gemalte Herz vor dem Mund des Mannes laden dabei zu Mutmaßungen ein, in welcher Beziehung das Modell zu Andy Warhol gestanden haben könnte. Mit dieser spannenden und reizvollen Zeichnung gelingt Warhol hier ein Werk voller Fragen und möglicher Antworten, die im Verborgenen des Bildes darauf warten, vom Betrachter entdeckt zu werden.